Kunstvermittlungen
Karl Schmidt-Rottluff, Frauenkopf und Maske, 1912, Öl auf Leinwand
Albertinum | SKD, © Karl Schmidt-Rottluff: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Übersicht
Perspektivwechsel –
Über welche Brücke willst du gehen?
Anastasia Kuzmenko | Linus Saternus
Über das Projekt
Dieses Projekt ist im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Studierenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Albertinum | Staatliche Kunstsammlungen Dresden entstanden. Ausgangspunkt waren vier Werke der Künstlergruppe „Brücke“. Das Projekt möchte die Besucher und Besucherinnen dazu einladen, diese Arbeiten aus neuen Blickwinkeln zu betrachten, insbesondere im Hinblick auf die Themenkomplexe von Kolonialismus und Geschlechterrollen. Dabei geht es nicht darum, den Werken feste Deutungen zuzuschreiben oder sie auf gegenwärtige Diskurse zu reduzieren. Vielmehr verstehen sich die Ergebnisse als ein Angebot, gewohnte Blickweisen zu hinterfragen und die vielschichtigen Inhalte der Bilder sichtbar zu machen. Die vertiefte Betrachtung der Werke zeigt, wie die Rückbesinnung auf „westliche“ Bildtraditionen und die Begegnung mit „fremden“ Kulturen neue künstlerische Ausdrucksformen in der Bildsprache der „Brücke“- Künstler hervorbrachte.
Vier Bilder
- Erich Heckel, Atelierszene, 1911
- Emil Nolde, Segler im Gelben Meer, 1914
- Karl Schmidt-Rottluff, Frauenkopf und Maske, 1912
- Karl Schmidt-Rottluff, Frau in den Dünen, 1914
Die „Brücke“
Die Künstlergruppe „Brücke“ wurde am 7. Juni 1905 in Dresden gegründet und gilt – neben dem „Blauen Reiter“ in München – als die wichtigste Künstlergemeinschaften des deutschen Expressionismus. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl. Später schlossen sich weitere Künstler wie Emil Nolde, Max Pechstein, Cuno Amiet, Kees van Dongen und Otto Mueller der Gruppe kurzzeitig oder auch längerfristig an. Die Mitglieder waren überwiegend junge Architekturstudenten, die sich von den traditionellen Kunstvorstellungen ihrer Zeit lösen wollten.
Der Name „Brücke“ sollte symbolisch den Übergang von der alten zu einer neuen Kunst an einem anderen Ufer anzeigen. Die Künstler wollten neue Ausdrucksformen entwickeln und sich bewusst von den akademischen Regeln der Kunst abgrenzen. Das von Kirchner verfasste und in Holz geschnittene Programm wurde am 9. Oktober 1906 veröffentlicht: „Mit dem Glauben an die Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft in sich trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesehenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“
Statt einer realistischen Darstellung bevorzugten die Mitglieder kräftige Farben, vereinfachte Formen und einen spontanen, emotionalen Malstil. Besonders wichtig war ihnen der Ausdruck innerer Gefühle und persönlicher Eindrücke. In ihren Werken beschäftigten sich die Künstler häufig mit dem modernen Großstadtleben, der Natur sowie dem menschlichen Körper. Sie suchten nach Ursprünglichkeit und Freiheit und ließen sich dabei auch von „außereuropäischer Kunst“ inspirieren. Dieser Begriff bezeichnet Kunstwerke, die außerhalb Europas entstanden sind. Aufgrund der komplexen Verflechtung historischer und gegenwärtiger Staatsgrenzen sowie ethnischer Zugehörigkeiten lassen sich Objekte aus kolonialen Kontexten jedoch nicht immer eindeutig einem Herkunftsland oder einer bestimmten Gesellschaft zuordnen. Für Objekte, deren Provenienz nicht zweifelsfrei nachweisbar ist, werden daher häufig geografische oder regionale Sammelbezeichnungen wie „afrikanische Kunst“ verwendet.
Die Künstlergruppe „Brücke“ siedelte 1912 nach Berlin über und bestand noch bis 1913. Während der Weimarer Republik wurden ihre Werke in deutsche Museumssammlungen aufgenommen, ab 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert. Nach 1945 hatte sie einen großen Einfluss auf die Rezeption und Entwicklung der modernen Kunst in Deutschland (s. „Neue Wilde“ oder Georg Baselitz).
Die Gender-Frage in der Künstlergruppe „Brücke“
Abb. 1: Nina Hard im Atelier von Kirchner, 1921. Fotografie: Ernst Ludwig Kirchner, Public domain, via Wikimedia Commons.
Auf zahlreichen Werken der Künstlergruppe „Brücke“ sind männliche und weibliche Modelle (z. B. Nina Hard, Abb. 1) unterschiedlichen Alters dargestellt, sowohl bekleidet als auch nackt. Aus heutiger Perspektive werden insbesondere die Darstellungen minderjähriger Modelle kontrovers diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei Fränzi Fehrmann, die als eines der bekanntesten Modelle der Gruppe gilt. So zeigt eine Zeichnung von 1910 die damals zehnjährige Fränzi schlafend auf einem Sofa mit gespreizten Beinen. In einer weiteren Zeichnung aus demselben Jahr hockt sie auf dem Boden; Mund und Vulva sind dabei durch roten Farbstift hervorgehoben. Fränzi war jedoch nicht das einzige minderjährige Modell der Künstlergruppe. Mehrere Kinder und Jugendliche, von denen einige namentlich bekannt sind (so Marcella Sprentzel, Nele van de Velde), besuchten regelmäßig das Atelier von Ernst Ludwig Kirchner und posierten für die Künstler. Aus heutiger Sicht wirft diese Praxis Fragen nach möglichen Grenzüberschreitungen und dem Verhältnis zwischen den erwachsenen Künstlern und ihren minderjährigen Modellen auf.
Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob es zu unangemessenem Verhalten oder gar Missbrauch kam, lässt sich auf Grundlage der vorhandenen Quellen jedoch nicht geben. Zeitgenössische Quellen deuten darauf hin, dass Fränzi ihre Zeit im Umfeld der Künstler überwiegend positiv in Erinnerung behielt. Dennoch bleibt die Frage nach den Machtverhältnissen zwischen den erwachsenen männlichen Künstlern und ihren minderjährigen Modellen Gegenstand aktueller kunsthistorischer und gesellschaftlicher Debatten. Dabei geht es insbesondere darum, historische Praktiken kritisch zu hinterfragen, ohne sie vorschnell an heutigen moralischen Maßstäben zu messen.
Unstrittig ist, dass Fränzi Fehrmann für die Künstler eine besondere Bedeutung besaß. Ihre kindliche, noch nicht vollständig entwickelte Körperform beeinflusste die stilistische Entwicklung der „Brücke“-Künstler maßgeblich – eine Rolle spielten auch die frühen Zeichnungen der Österreicher Oskar Kokoschka und Egon Schiele. In der kunsthistorischen Forschung wird Fehrmann daher nicht nur als Modell, sondern auch über ihr „Kindsein“ als Verkörperung zentraler Ideale der Künstlergruppe betrachtet. Natürlichkeit, Unmittelbarkeit und die Abkehr von akademischen Traditionen sollten durch ihre Darstellung zum Ausdruck gebracht werden.
Kolonialismus
Kolonialismus bezeichnet ein Herrschaftsverhältnis, in dem kolonialisierte Gesellschaften ihrer Selbstbestimmung beraubt und den Interessen der Kolonisierenden untergeordnet werden. Er wurde häufig durch Vorstellungen kultureller Überlegenheit sowie einer vermeintlichen zivilisatorischen Mission legitimiert. Als koloniale Kontexte werden Strukturen und Prozesse verstanden, die aus kolonialer Herrschaft oder kolonialen Machtverhältnissen hervorgegangen sind. Sie ermöglichten vielfach die Aneignung und Sammlung von Kulturgütern unter asymmetrischen Machtbedingungen.
Während der Kolonialzeit des 19. und 20. Jahrhunderts gelangten zahlreiche Objekte aus kolonialen Kontexten durch unterschiedliche Aneignungsprozesse in den Besitz europäischer Privatsammler und kultureller Institutionen. Darüber hinaus wurden Darstellungen außereuropäischer Bevölkerungsgruppen durch künstlerische Werke, Fotografien und sogenannte Völkerschauen, die öffentliche Präsentation von Menschen in ihrem vermeintlich natürlichen Alltagsleben, in Europa systematisch verbreitet. Aufgrund der erst 1871 erfolgten Reichsgründung stieß Deutschland relativ spät zu den übrigen europäischen Nationen, verlangte dann aber umso nachdrücklicher und mitunter aggressiver seinen „Platz an der Sonne“ (Zitat Bernhard von Bülow).
Ernst Ludwig Kirchner, Postkarte an
Erich Heckel vom 15.05.1910 aus
Dangast bei Varel mit Zeichnung
Kopf einer Schwarzen Frau
1910, Bleistift, Tuschfeder und farbige
Kreide, 14 x 9.8 cm
Stiftung Historische Museen Hamburg
Altonaer Museum
Auf der Suche nach Ursprünglichkeit und künstlerischer Freiheit ließen sich zahlreiche Künstler und Künstlerinnen der Moderne, darunter auch die Mitglieder der Brücke, von den Werken außereuropäischer Gesellschaften inspirieren. Der sogenannte Primitivismus spiegelte die Sehnsucht nach einem als ursprünglich und unverfälscht wahrgenommenen Zustand wider, der als Gegenentwurf zur modernen westlichen Zivilisation verstanden wurde. Die aus europäischer Perspektive als kindlich, „primitiv“ oder ursprünglich eingestuften Kulturen wurden dabei häufig idealisiert und stereotypisiert. Die Formensprache ihrer Kunst wurde auf eine vermeintlich naive Ästhetik des Kindesalters reduziert, aber auch deren formale Kraft anerkannt. Derartige Vorstellungen können als Ausdruck exotisierender Fantasien, des utopischen Eskapismus sowie des Interesses am Fremden gedeutet werden.
Die Künstler der Brücke kamen sowohl durch Ausstellungen außereuropäischer Objekte in Kunst- und Völkerkundemuseen als auch durch eigene Sammlungen, wie etwa jene von Karl Schmidt-Rottluff, mit diesen Werken in Kontakt. Darüber hinaus begegneten sie bei Völkerschauen in Dresden (1910) Menschen aus den Kolonialgebieten. Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner dienten schwarze Zirkusangehörige als Modelle.
Literatur
Literatur „Brücke“
- Dalbajewa, Birgit (Hrsg.): Die Brücke in der Dresdener Galerie, Dresden 2007.
- Lorenz, Ulrike (Hrsg.), Wolf, Norbert (Hrsg.): Brücke. Die deutschen „Wilden“ und die Geburt des Expressionismus, Köln 2008.
Literatur Gender-Frage
- Segieth, Clelia: Fränzi, Modell und Ikone der „Brücke“-Künstler. Kabinettausstellung im Buchheim Museum, https://www.buchheimmuseum.de/aktuell/2009/fraenzi.php.
- Nierhoff, Barbara: Das Bild der Frau. Sexualität und Körperlichkeit in der Kunst der Brücke, Essen 2004.
- Nobis, Norbert (Hrsg.): Kat. Ausst. Der Blick auf Fränzi und Marcella. Zwei Modelle der Brücke-Künstler Heckel, Kirchner und Pechstein, Hannover Sprengel Museum Hannover 2010–2011/ Halle (Saale) Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt 2011, Hannover 2010.
Literatur Kolonialismus
- Lloyd, Jill: German expressionism primitivism and modernity, New Haven 1991.
- Osterhammel, Jürgen, Jansen, Jan C.: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, 8. Auflage, München 2017.
- Deutscher Museumsbund (Hrsg.): Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, 3. Auflage, Berlin 2021.
- Brücke-Museum (u.a) (Hrsg.): Das Museum dekolonisieren? Kolonialität und museale Praxis in Berlin, Berlin 2022.
Erich Heckel, Atelierszene, 1911, Öl auf Leinwand
Albertinum | SKD, © Erich Heckel: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Emil Nolde, Segler im Gelben Meer, 1914, Öl auf Leinwand
Albertinum | SKD
Karl Schmidt-Rottluff, Frau in den Dünen, 1914, Öl auf Leinwand
Albertinum | SKD, © Karl Schmidt-Rottluff: VG Bild-Kunst, Bonn 2026



